Jenseits des Gewöhnlichen – warum Summen hilft
Haben Sie sich schon einmal dabei ertappt, wie Sie beim Kochen, unter der Dusche oder auf dem Weg zur Arbeit vor sich hin summen? Was zunächst wie eine unbewusste Angewohnheit erscheint, ist tatsächlich eine kraftvolle Form der Selbstregulation, die sowohl Körper als auch Geist auf bemerkenswerte Weise beeinflusst.
Eine uralte Heilpraxis
Summen ist keine moderne Erfindung. Seit Jahrtausenden nutzen verschiedene Kulturen summende Töne in meditativen und heilenden Praktiken. Im Buddhismus spielt das Om-Mantra eine zentrale Rolle, im Hinduismus werden Bija-Mantras gesummt, und auch in der christlichen Tradition finden sich summende Gebetsformen. Was unsere Vorfahren intuitiv wussten, können wir heute wissenschaftlich belegen: Summen hat messbare positive Effekte auf unsere Gesundheit.
Was passiert beim Summen in unserem Körper?
Wenn wir summen, geschehen mehrere faszinierende Dinge gleichzeitig. Die Vibration, die durch die Stimmbänder entsteht, breitet sich durch den gesamten Körper aus. Diese sanfte innere Massage wirkt sich auf verschiedene Systeme aus:
Der Vagusnerv wird aktiviert. Dieser Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems – auch als "Ruhenerv" bekannt – verläuft vom Gehirn durch den Hals bis in den Bauchraum. Die Vibrationen beim Summen stimulieren ihn direkt, was zu einer Entspannungsreaktion führt. Herzfrequenz und Blutdruck sinken, die Verdauung wird angeregt, und der Körper wechselt vom Stress- in den Erholungsmodus.
Stickstoffmonoxid wird freigesetzt. Studien zeigen, dass Summen die Produktion von Stickstoffmonoxid in den Nasennebenhöhlen um das 15-fache steigern kann. Dieser Botenstoff erweitert die Blutgefäße, verbessert die Sauerstoffaufnahme und hat antibakterielle Eigenschaften. Besonders bei verstopfter Nase oder Nebenhöhlenentzündungen kann regelmäßiges Summen daher Linderung verschaffen.
Gehirnwellen verändern sich. Messungen mittels EEG zeigen, dass rhythmisches Summen die Alpha-Wellen im Gehirn verstärkt – jene Frequenzen, die mit entspannter Wachheit und meditativen Zuständen verbunden sind. Gleichzeitig nehmen die Beta-Wellen ab, die mit Stress und überaktivem Denken assoziiert werden.
Die psychologischen Vorteile
Neben den körperlichen Effekten wirkt Summen auch auf mentaler Ebene. Die monotone, rhythmische Tätigkeit gibt dem Geist einen Fokuspunkt und unterbricht das endlose Kreisen von Gedanken. Viele Menschen berichten, dass Summen ihnen hilft, grüblerische Gedankenschleifen zu durchbrechen und im gegenwärtigen Moment anzukommen.
Darüber hinaus aktiviert das Summen das Belohnungssystem im Gehirn. Die Vibration fühlt sich angenehm an und kann die Ausschüttung von Endorphinen fördern – körpereigenen Glückshormonen. Kein Wunder also, dass wir oft automatisch zu summen beginnen, wenn wir uns wohlfühlen oder uns selbst beruhigen möchten.
Summen in der Musiktherapie
In der modernen Musiktherapie nutzen wir die Kraft des Summens gezielt. Für Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle verbal auszudrücken, bietet Summen einen niedrigschwelligen Zugang zur emotionalen Selbstregulation. Es erfordert keine musikalischen Vorkenntnisse, keine Texte, keine komplexen Melodien – nur den eigenen Atem und die eigene Stimme.
Besonders bewährt hat sich Summen bei Angststörungen, chronischem Stress, Schlafproblemen und Schmerzzuständen. In therapeutischen Settings leiten wir Klienten an, bewusst mit verschiedenen Tonhöhen zu experimentieren und wahrzunehmen, wo im Körper die Vibration am stärksten spürbar ist. Tiefe Töne vibrieren eher im Brust- und Bauchraum, hohe Töne im Kopf- und Gesichtsbereich. Diese unterschiedlichen Resonanzen können gezielt für verschiedene therapeutische Ziele eingesetzt werden.
Praktische Übung: Heilsames Summen
Möchten Sie die Wirkung selbst ausprobieren? Hier eine einfache Übung für den Alltag:
Setzen oder legen Sie sich bequem hin. Atmen Sie einige Male ruhig durch die Nase ein und aus. Beim nächsten Ausatmen beginnen Sie, einen gleichmäßigen Summton zu erzeugen – in einer Tonhöhe, die sich angenehm anfühlt. Lassen Sie den Ton so lange klingen, wie die Ausatmung dauert, ohne sich zu überanstrengen. Atmen Sie wieder durch die Nase ein und summen Sie beim nächsten Ausatmen erneut.
Wiederholen Sie dies für 3 bis 5 Minuten. Achten Sie dabei auf die Vibration in Ihrem Körper. Wo spüren Sie sie am deutlichsten? Wie verändert sich Ihr Befinden?
Schon wenige Minuten tägliches Summen können einen spürbaren Unterschied machen. Manche Menschen integrieren es in ihr Morgenritual, andere nutzen es als Einschlafhilfe oder als Pause während eines stressigen Arbeitstags.
Die Stimme als innerer Therapeut
Was das Summen so besonders macht, ist seine Verfügbarkeit. Wir tragen unser therapeutisches Instrument immer bei uns – unsere eigene Stimme. Keine Ausrüstung nötig, kein Termin erforderlich, keine Kosten. In einer Welt, die oft laut, hektisch und fordernd ist, bietet das stille Summen einen Moment der Rückkehr zu uns selbst.
Die alten Weisheitstraditionen hatten recht: In der Vibration unserer eigenen Stimme liegt eine heilende Kraft. Die moderne Wissenschaft liefert uns nun das Verständnis dafür, warum Summen hilft – und die Musiktherapie zeigt uns, wie wir diese Kraft bewusst nutzen können.
Also: Summen Sie los! Ihr Nervensystem wird es Ihnen danken.
Haben Sie Fragen zur therapeutischen Anwendung von Stimme und Klang? Kontaktieren Sie uns gerne für ein unverbindliches Erstgespräch.